Guppy-Genetik

Wer sich intensiver mit der Guppyzucht beschäftigen will, kommt um das Studium der einschlägigen Literatur nicht herum - hier beschränke ich mich auf eine kurze Darstellung der Grundlagen, d.h. der Mendel’schen Regeln:
Wir wissen, dass bei der Befruchtung einer Eizelle Erbmerkmale des Vaters und Erbmerkmale der Mutter zusammenkommen. Die Frage ist, wie sich diese Merkmale weitervererben.

MENDELSCHE REGEL:

Kreuzt man zwei reinerbige Individuen, die sich in einem Merkmal unterscheiden, so erhält man in der ersten Nachkommengeneration (F1-Nachkommen) mischerbige Nachkommen, die alle uniform (einheitlich) sind.

BEISPIEL:

Wir kreuzen ein reinerbiges Männchen mit der Deckfarbe blond (bb) und ein reinerbiges Weibchen mit der Deckfarbe grau (GG). Alle Nachkommen zeigen eine graue Deckfarbe. Daraus können wir schließen, dass grau über blond dominiert.

BEACHTE: Bei Vater und Mutter sind die Körperzellen dargestellt, daher auch bb bzw. GG (doppelter Chromosomensatz!!!). Da die Geschlechtszellen jedoch nur den einfachen Chromosomensatz enthalten, kann von Vater und Mutter nur je ein b bzw. G weitervererbt werden.

Somit müssen alle F1-Nachkommen, sofern die Eltern reinerbig sind, in Bezug auf das untersuchte Merkmal gleich sein - und zwar sowohl in Bezug auf ihr Aussehen (phänotypisch) als auch in Bezug auf die genetische Grundlage des Aussehens (genotypisch). Die Nachkommen selbst sind auch alle mischerbig (reinerbig wäre bb bzw. GG).
Gleichzeitig erkennen wir auch, dass es dominante Merkmale (hier die Grundfarbe grau) und rezessive Merkmale (hier blond) gibt. Phänotypisch treten die dominierenden Merkmale in Erscheinung! Anders herum gesagt: Wenn ein rezessives Merkmal auftritt, dann ist der Merkmalsträger in Bezug auf dieses Merkmal reinerbig. Tritt ein dominantes Merkmal auf, kann der Merkmalsträger durchaus mischerbig sein, so wie die obige F1-Generation! (Anmerkung: Es gibt auch doppelt-rezessive Merkmale, da ist der Sachverhalt dann komplizierter, aber dies will ich an dieser Stelle auch nicht näher ausführen, weil es eine Angelegenheit für Spezialisten ist)

DIE ZWEITE MENDELSCHE REGEL:

Kreuzt man die F1-Generation untereinander, so stellt man eine Aufspaltung der Merkmale fest. Diese Aufspaltung tritt in charakteristischen Zahlenverhältnissen der Merkmalsausprägung zu Tage: Beim dominant-rezessiven Erbgang (der uns interessiert) im Verhältnis 3:1 und im intermediären Erbgang im Verhältnis 2:1

Genotypische Aufspaltung: 25% reinerbig grau (GG)
50% mischerbig grau (Gb und bG ist identisch!)
25% reinerbig blond (bb).

Phänotypische Aufspaltung: 3:1 ->
75% grau und 25% blond

Die dritte Mendelsche Regel:

Die Nachkommen von Eltern, die sich in zwei oder mehr reinerbig vorhandenen Merkmalen voneinander unterscheiden, zeigen die entsprechend der 2. Regel zu erwartende Aufspaltung in einem charakteristischen Zahlenverhältnis. Mit anderen Worten: Jedes Merkmal wird unabhängig von den anderen Merkmalen weitergegeben.

Beispiel:

Vater: aaBB Mutter: AAbb, d.h. beide Eltern sind bezüglich der zwei untersuchten Merkmale reinerbig. Entsprechend der ersten Regel sind alle Nachkommen uniform: aAbB

Nun kreuzen wir diese Nachkommen untereinander. Folgende Kombinationen sind möglich

  Ab AB aB ab
Ab AAbb AABb AaBb Aabb
AB AABb AABB AaBB AaBb
aB AaBb AaBB aaBB aaBb
ab Aabb AaBb aaBb aabb

Aufspaltung phänotypisch:
AB: 9 Ab und aB: je 3 ab: 1, m.a.W.: 9 Individuen zeigen beide dominanten Merkmale, je drei zeigen je eines der beiden dominierenden Merkmale und ein Nachkomme zeigt beide rezessiven Merkmale.
Die (reinerbigen) Kombinationen AABB und aabb treten also erst in der zweiten Nachkommengeneration auf!
Allgemein: Bei zwei untersuchten Merkmalen entstehen in der 2. Nachkommen- generation 4 verschiedene Phänotypen (beide dominanten Merkmale, je ein dominantes und ein rezessives Merkmal, beide rezessiven Merkmale), darunter zwei neue (AABB und aabb), sowie 9 verschiedene Genotypen.
Bei drei untersuchten Merkmalen wären es dann schon 6 neue Phänotypen und insgesamt 27 verschiedene Genotypen!!!
ABER diese Regel gilt nur, wenn die verschiedenen Gene auf verschiedenen Chromosomen sitzen und jeweils genau ein Gen genau ein Merkmal codiert.
ABWEICHUNGEN treten auf bei
- Genkopplungen: Die Gene sitzen in diesem Fall nicht auf verschiedenen
Chromosomen.
- Genaustausch durch crossing-over (Austausch von Chromosomenstücken während der Zellteilung, führt dazu, dass ehemals auf verschiedenen Chromosomen liegende Gene nach dem Austausch auf einem Chromosom zu liegen kommen).
- Polygenie: Zwei oder mehr Gene codieren ein Merkmal.
- Polyphänie: Ein Gen beeinflusst die Ausbildung mehrerer Merkmale.
Und zum Schluss der Hinweis, dass die meisten Merkmalsausbildungen diesen “Abweichungen” unterliegen...